Der Mythos »72dpi« ist geplatzt

Besonders Printdesigner reden immer noch gerne von 72dpi-Auflösung, wenn sie etwas für den Bildschirm gestalten. Warum dies eine falsche Herangehensweise ist und man sich beim Screen-Design ausschließlich mit Pixelwerten auseinandersetzen muss.

An sich ist die Sache so simpel: Alle Gestalter müssen mit diversen Größenangaben in einem Maßsystem arbeiten. Die amerikanischen Kollegen haben ein wunderbares feet/inch-System, das die Europäer nie kapieren werden; Diese hingegen können nur Zentimeter und Millimeter, was wiederum die Amerikaner verstört. Typografen und Schriftsetzer rechnen, historisch bedingt, immer noch in Punkt; doch wie groß so ein Punkt genau ist, darüber gibt es auch verschiedenste Meinungen (Fournier/Didot/Pica). Ich gebe es zu, richtig einfach ist es doch nicht.

Und da kommen auf einmal die Screen-Designer angelaufen und behaupten, man müsse noch eine zusätzliche Einheit, den sogenannten Pixel einführen? Ohne uns! rufen die Print-Designer, verständlicherweise.

Doch so ganz korrekt ist das nicht mit der »zusätzlichen Einheit«. Denn die oben aufgezählten Einheiten sind an sich nur unterschiedliche Bezeichnungen für ein und dasselbe: Sie geben an, wie lang und wie breit ein physisches Objekt ist. Für den Gestalter mag das ein Papierbogen, eine x-Höhe oder eine Spaltenbreite sein. Alle Einheiten können mittels relativ einfacher Multiplikatoren ineinander umgerechnet werden (1″ = 2,54cm). Sie sind also, rein qualitativ gesehen, identisch. Ich möchte all diese Größenangaben deshalb zusammenfassend als absolut und physisch bezeichnen.

Der Pixel jedoch ist anderer Natur. Er wird nämlich nicht in absoluter Größe physisch auf Papier gedruckt; Der Pixel befindet sich auf dem Bildschirm eines Anwenders.

Der Gestalter hat somit keinerlei Einfluss darüber, wie groß so ein Pixel sein wird.

Denn entscheidend für die Umrechnung von physischen Größenangaben in Pixel sind zwei weitere Faktoren, die er nicht bestimmen kann: Die Größe des Monitors sowie die eingestellte Pixelanzahl. Jeder hat da andere Vorlieben, und das ist auch gut so. Die Pixel möchte ich aus diesem Grund als relative Größenangabe bezeichnen.

Jetzt schreien die Screen-Designer auf! Der Pixel sei sehr wohl eine absolute Einheit, im Gegensatz zu Prozentangaben oder den em-Werten im CSS. Ja, sie haben Recht. Doch das gilt nur, wenn man sich bereits komplett im System des Screens befindet. In Bezug auf die physische Welt ist der Pixel eine sehr relative Angelegenheit, wie wir gleich erfahren werden.

Nun ist bei vielen Grafikern der Wunsch da, den Pixel trotzdem irgendwie in das physische Maßsystem zu übertragen. Unabhängig davon, ob dies sinnvoll ist oder nicht, verlangen sie nach einem greifbaren Richtwert, an dem sie sich orientieren können. Wer ausschließlich am Bildschirm arbeitet, wird das nur schwer verstehen können. Aber für so manchen klassischen Printdesigner ist es nun einmal wichtig zu wissen, wieviel 200 Pixel in Zentimeter ergeben, auch wenn das Ergebnis abweichen kann.

Und jetzt kommen zum ersten Mal die sagenumwobenen 72dpi ins Spiel. Offensichtlich gab es einmal so etwas wie einen genormten Monitor. Dessen Fläche hatte eine bestimmte physische Größe (11″ Breite) und eine bestimmte Pixelanzahl (800 Pixel Breite) eingestellt. Und diese waren zufällig in einer solchen Relation, dass sich ca. 72 dpi ppi ergeben haben. Auf diesem Norm-Monitor waren die 200 Pixel dann 7,06cm. Aber eben nur auf genau diesem Monitor! Der Flachbildschirm eines Powerbooks ist 12,5″ breit und hat 1280 Pixel: Eine Auflösung von etwa 102 dpi ppi, und die 200 Pixel sind hier nur knapp 5cm. Ein Handydisplay hingegen ist 1,1″ breit und hat 101 Pixel. Sind knapp 92 dpi ppi. Es gibt nur wenige Monitore, die wirklich mit der »Norm«-Auflösung betrieben werden.

Was bringt uns die 72dpi-Regelung also in der Praxis? Einen extrem groben Richtwert, der zudem veraltet ist und auf 90–100dpi erhöht werden müsste, wenn er nicht generell begraben werden sollte.

Doch die Gerüchte halten sich hartnäckig, zum Beispiel beim Scannen: »Wenn ich dieses Foto auf die Website des Kunden stellen will, muss ich das doch mit 72dpi einscannen!« Das klingt zunächst wie eine praktische Faustregel, nach der selbst viele Profis immer noch arbeiten. Doch sie ist kompletter Unfug. Es gibt zwei Faktoren, die hier einfach außer Acht gelassen werden:

  1. Die Größe des Originalbildes. Diapositiv oder 30×45cm-Abzug?
  2. Die gewünschte Pixelgröße des Bildes auf der Website. Winziger 50×65px-Thumbnail oder bildschirmfüllender Detailausschnitt?

Ein Foto mit 72dpi einzuscannen ist nur in einem einzigen Falle sinnvoll: Man möchte, dass das Bild auf einem genormten 72dpi-Monitor exakt die gleiche physische Größe hat wie das Original auf Papier. Wie realistisch ist dieser Wunsch? Richtig! Niemand misst mit dem Lineal auf einem Bildschirm irgendwelche Längen. (Außer ich vorhin, als ich die Breite des Laptops bestimmten wollte.)

Wenn ich weiß, dass etwas nur auf dem Monitor gezeigt wird, dann interessiert mich nicht, wie groß die physische Vorlage ist. Ich will einfach nur das Bild auf die korrekte Pixelanzahl bringen. Womit wir beim wichtigsten Thema sind: Die Pixelbreite und -höhe macht im Screen-Design die Auflösung komplett unnötig. Kann gar nicht sein? Doch! Aber erst einmal einen Schritt zurück:

Egal, in welchem Dateiformat digitale Bilder gespeichert sind: Es gibt immer eine Pixelanzahl und eine zugewiesene Entsprechung in der physischen Welt. Aus dem Verhältnis dieser beiden Werte wird die Auflösung des Bildes berechnet. Sie hat mit der Auflösung des Monitors nicht das Geringste zu tun. Die Auflösung des Bildes ist nur ein simpler Faktor, der angibt, wie viele Zentimeter unser 200 Pixel breites Bild auf einem Blatt Papier einnehmen würde, wenn man es denn ausdruckt. Doch Screen-Designer wollen ja gar nichts drucken.

Das Bild ist in Pixeln gespeichert, der Monitor stellt Pixel dar. Wozu also noch die Auflösung?

Die Auflösung ist tatsächlich unerheblich, wenn ein Bild rein digital verarbeitet und angezeigt wird. Deshalb hat das GIF-Format so etwas gar nicht: GIF wurde ausschließlich für den Screen erschaffen. Bei den Digitalkameras sind wir da ebenfalls schon einen Schritt weiter. Da fragt nämlich keiner nach, wieviele Zentimeter die Bilder breit sind oder welche Auflösung sie besitzen. Hier dreht sich alles um Megapixel. Und das ist der richtige Ansatz. Erst wenn man das Ganze ausdrucken möchte, wenn also die Pixel wieder in Zentimeter umgewandelt werden, ist das Einführen einer Auflösung als Umrechnungsfaktor wichtig. Einem Digitalfoto mit einer Pixelgröße von 1600×1200 (knapp 2 Megapixel) müsste man eine Auflösung von 200dpi zuweisen, um exakt auf 8×6″ ausgedruckt zu werden. Hätte dieses Bild 72dpi Auflösung, wäre es 56cm breit. Zuviel für die meisten Bildschirme.

Weiteres zum Thema:
http://t3n.de/news/72-dpi-mythos-luege-518017/